Das Management der mittlerweile insolventen PIN Group hat die Gewerkschaft der Neuen Brief- und Zustelldienste (GNBZ) selbst gegründet, um den von ver.di angestrebten Mindestlohn für Postzusteller zu verhindern. Dafür liegen dem Magazin "stern" neue Erkenntnisse vor.
Bisher war "nur" von verdeckten Zahlungen an die Gewerkschaft die Rede (posttip.de berichtete). Jetzt erhärtet sich der Verdacht gegen den ehemaligen Großaktionär bei der PIN, die Axel Springer AG. Der Vorstand des Medienkonzerns soll über "die heiklen Gründungsmodalitäten der Marionetten-Organisation zumindest informiert, wenn nicht sogar daran beteiligt" gewesen sein, schreibt der stern in einer Vorab-Mitteilung.
Demnach liegen dem Magazin E-Mails vor, die das PIN-Management an den Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner geschrieben hat. Eine enthält die Information, es sei mit der Gründung der Gewerkschaft schon recht weit, es fehle allerdings noch ein Vorsitzender. Ein anderes Mal wurde Döpfner eine E-Mail des Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustelldienste (AGV NBZ) weitergeleitet. Darin schlägt der Verbands-Vize Bernd Jäger seinen Kollegen im Verbandsvorstand vor, PIN und der niederländische Briefdienst TNT sollten eine "eigene Gewerkschaft gründen, mit der wir einen Tarifvertrag abschließen". Jäger empfiehlt, den Gewerkschaftsvorstand mit "vernünftigen Mitarbeitern zu besetzen." Das war am 1. Oktober 2007. Am 12. Oktober 2007 wurde die GNBZ in Berlin gegründet.
Die Tatsache, dass neben dem PIN-Management zu jener Zeit offenbar auch andere auf die Idee mit der neuen Gewerkschaft gekommen sind, finde er "lustig", schreibt Döpfner zurück: "Das Beste ist immer, viele Väter einer Idee zu haben."
Die Beteiligten leugnen den Schriftverkehr nicht. Bernd Jäger erklärte gegenüber dem stern, er habe lediglich von einem "Brainstorming" berichten wollen; er sei in die Gründung der GNBZ nicht involviert gewesen. Auch der Springer-Konzern bestätigt die E-Mails indirekt, wenn er Döpfners Freude an der GNBZ mit "viel Sympathie für das Zustandekommen einer Gewerkschaft" begründet, weil "dies die logische Voraussetzung für einen alternativen Tarifvertrag war. Deshalb haben wir uns auch gefreut, dass es 'viele Väter dieser Idee' gab." Einzelheiten der Gewerkschaftsbildung habe der Springer-Vorstand nicht gekannt. Auch die Finanzierung der GNBZ habe Springer nicht "veranlasst oder gebilligt".
Wegen der Zahlungen an die GNBZ, welche die PIN Group über eine Wirtschafts- und Steuerberatungsfirma in Köln abgewickelt haben soll, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Köln. Dieselbe Kanzlei hatte auch den ehemaligen Tengelmann-Manager Arno Doll für den Vorsitz der neuen Gewerkschaft angeworben. Das bestätigte Doll nun auf stern-Anfrage. Der ausführliche Bericht erscheint in der kommenden Ausgabe des stern.